Mein Problem mit Filme und Serien

„Ich schau mir keinen Film mehr an, draußen passiert doch alles viel wirklichkeitsfremder…“ – Elmar Kupke, Stadtphilosoph

Ich gebe es zu, ich sehe mir sehr gerne Filme und Serien an, jedoch bin ich kein extremer Konsument. Wenn ich Serien sehe, dann Stück für Stück. Also eher wie einen guten Wein als wie ein einzelnes Popcorn in einer großen Popcorntüte. Auch mein Konsum von Filmen hält sich in Grenzen. Das hat einen großen Vorteil aber zieht auch einen Nachteil mit sich. Da ich nicht alle neuen Filme sehe und auch so einige Streifen verpasse (darunter sicherlich auch so einige Meisterwerke), bin ich sehr streng mit meinem Fazit. Viele Filme kommen bei mir einfach nicht gut weg. Nachdem ich aktuell den Film „Life“ gesehen habe (u. a. mit Jake Gyllenhaal und Ryan Reynolds) versuchte ich Punkte zu finden, die mich bei vielen Filmen stören. Der erste Kritikpunkt ist die Charakterzeichnung und der andere der Realismus.

Charakterzeichnung
Nichts ist so wichtig, in Filmen, wie die Charakterzeichnung. Als großer Stephen King Leser denke ich zu wissen, was eine gute Charakterzeichnung ausmacht. Besser gesagt ich merke es, ob der Regisseur unbedingt eine Handlung präsentieren möchte, egal wie die Charaktere dabei weg kommen oder aber, ob er sich Gedanken gemacht hat. Um das Ganze mal etwas zu verdeutlichen: Angenommen Person A ist die Hauptperson und Person B sein Gegenspieler. Person A hat ein normales Leben und ist verheiratet, hat vielleicht sogar Kinder und Hobbys. Man erfährt mehr über ihren oder seinem Charakter und identifiziert sich mit dieser Person. Man wird sozusagen „warm damit“. Langsam erfährt man wieso dieser Charakter genau das tut, was er gerade macht. Dann kommt Person B ins Spiel und entführt Person A. An dieser Stelle wird es spannend. Denn für für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder mich überzeugt der Charakter und sein Verhalten von Person A und ich fühle mit ihr oder ihm mit oder es ist mir vollkommen egal.

Hierfür gibt es einige Beispiele. „Atomic Blonde“ ist so ein Beispiel. Viele Charaktere sind sehr skrupellos und einige davon sterben auch. Da diese Personen aber von vorn herein so negativ und selbst sehr skrupellos dargestellt werden, ist es mir total egal, was mit ihnen passiert. Ich habe zum einen viel zu wenig Informationen über selbige Person und vor allem ist sich der Charakter sehr wohl bewusst, was er da anrichtet und welche Konsequenzen das haben kann.
Ein weiteres Negativbeispiel ist die Serie „Sneaky Pete“ (Achtung: es könnten leichte Spoiler auftreten). Die Serie an sich ist nicht schlecht. Alle Charaktere spielen wirklich gut. Man kauft jeder einzelnen Schauspielerin und jedem Schauspieler durchaus die Rolle ab. Dennoch gibt es da ein Problem. Die Hauptperson ist extrem kriminell. Was durchaus zur Handlung und zum Setting der ganzen Serie passt aber es ist mir vollkommen egal, was mit ihm passiert. Selbst wenn er nach der ersten Staffel umgebracht wurden wäre, es wäre mir egal. Sein Charakter sagt nur eins: rette deinen eigenen Hintern. Hinzu kommt jedoch noch, dass er sehr oft in schwierige Situationen gerät und immer wieder seinen Kopf aus der Schlinge zieht. Versteht mich nicht falsch es ist sehr wichtig, dass Spannung und brenzlige Situationen entstehen aber wenn es siebenundachtzig mal dazu kommt, dass er bedroht wird und die Gefahr besteht, dass er stirbt und letztendlich er den Hals immer wieder aus der schlinge ziehen kann, ist das sehr unglaubwürdig. Leider gibt die Charakterzeichung nicht wirklich mehr her.

Bevor ich zum Thema Realismus komme, möchte ich noch zwei positive Beispiele erwähnen. Zum einen haben wir da „Interstellar“. Auch wenn es sich nicht wie bei „Sneaky Pete“, um eine realistische Serie sondern um einen Sci- Fi Film handelt, kauft man den Schauspielerinnen und Schauspielern durchaus die jeweilige Rolle ab. Hinzu kommt aber noch, dass man (insbesondere bei den Charakteren von Matthew McConaughey und Anne Hathaway) ihre Handlungen durchaus plausibel darstellt. Man fühlt mit und geht mit den jeweiligen Charakteren durch dick und dünn. Man ist sich hierbei auch nicht so sicher, ob alle Charaktere überleben werden oder gar die gesamte Crew stirbt. Hinzu kommt, dass man sich durch die Geschichte mit ihnen identifizieren kann. Ich selbst kann mich schlecht in einen kriminellen hinein versetzen aber in einen Familienvater, der abwägen muss, ob der die Menschheit rettet oder seine eigene Familie sehen möchte, schon eher. Es wird auch mehr Zeit investiert, um die Charaktere glaubwürdig zu gestalten.
Wenn es etwas realistischer sein darf, empfehle ich den erst kürzlich gesehenen Film „Noctual Animal“. (Ebenfalls mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle.) Hierbei handelt es sich um einen Familienvater der gerade mit seiner Frau und seiner Tochter auf der Durchreise ist. Die gesamte Rahmenhandlung wird erzählerisch sehr interessant aufgebaut, indem der gesamte Inhalt so präsentiert wird, als wäre es ein Buch, welches von der zweiten Hauptrolle gelesen wird (genial gespielt von Amy Adams). Durch die Distanz zwischen Zuschauer, dem Charakter und dem gelesenem Buch wird gleichzeitig auch eine Nähe erzeugt, da die zwei Hauptcharaktere storytechnisch miteinander verwoben sind. Hier fühlt man nicht nur authentisch bei dem Hauptcharakter mit, sondern kann sich auch als Leser*in einfühlen. Um etwaige weitere Spoiler zu vermeiden gehe ich nicht weiter auf die Geschichte ein.

Realismus
Sicherlich werdet ihr jetzt etwas lächeln aber ich finde Realismus sollte auch in Sci- Fi Filmen eine wesentliche Rolle spielen. Mitunter finde ich es doch haarsträubend, wenn man in Sci- Fi Filmen die Düsentriebwerke im All hört oder gar andere Soundeffekte. Das im All keine Atmosphäre herrscht, dürfte auch den letzten Weltraummuffel und auch den „Flat Earther“ klar sein. (Zur Erläuterung: „Flat Earther“ sind Menschen, die davon überzeugt sind, dass die Erde eine Scheibe ist und alles rings herum animiert bzw. inszeniert wurde, damit wir glauben, dass die Erde rund ist.)
Auch in Actionfilmen ist es sehr schwer mit Realismus. Da rennt die Hauptfigur aus der Deckung heraus und wird nicht einmal getroffen. Nur um das klar zu stellen, diese Art von Realismus meine ich nicht ganz. Da es sich immer noch um einen Film und keine Dokumentation handelt erwarte ich nicht in jeder Hinsicht eine realistische Übertragung von Realität auf Filmebene. Dennoch erwarte ich, dass sich Regisseure etwas mehr mit dem Thema des Films auseinander setzen. Wenn die ISS (im Film „Life“) extrem dunkel ist und in der Realität sehr viel grauer, weißer und heller, dann verstehe ich das nicht so recht. Hinzu kommt, dass im weiteren Verlauf des Films zwei Sojus- Kapseln vorhanden sind, wo jeweils nur eine Person hinein passt. Würde man auf der ISS auf so ein Prinzip setzen, dann würde man mit Gewissheit davon ausgehen können, dass im Ernstfall einige Besatzungsmitglieder sterben werden. Man hätte hier einige andere Gründe liefern können. Beispielsweise könnte die Kapsel so in Mitleidenschaft gezogen wurden sein, dass nur eine Person damit reisen darf. Im echten Leben passen drei Passagiere in die Kapsel. Sicherlich folgt hier auch noch ein nerdiger Beitrag von mir, warum ich von Weltraumwissenschaft so begeistert bin. Hierbei möchte ich noch einmal erwähnen, dass es Filme gibt, in denen ich keine große Priorität auf Realismus lege, da es in vielen Filmen nicht darum geht. Wenn jedoch ein realistischer Bezug herrschen soll wie bei „Life“, dann erwarte ich zumindest mehr Realismus. Klassischer Weise kann man jedoch durch gute Charakterzeichnung den Grad an Realismus wett machen. Etwa bei „Matrix“ oder aber „Ex- Machina“ wobei im letzten genannten Film noch eine grandiose schauspielerische Leistung dahinter steht.

Natürlich ist das alles nur meine Meinung die hier dargestellt ist. Anregungen oder Diskussionen via Facebook interessieren mich daher sehr.