Alles ist endlich

“Look up here, I’m in heaven; I’ve got scars that can’t be seen; I’ve got drama, can’t be stolen; Everybody knows me now” – David Bowie/ Lazarus

Ich liege wieder wach, drehe mich von einer Seite zur anderen und habe dieses beklemmende Gefühl. Das Gefühl, dass es irgendwann zu Ende ist. Das der Tod sämtliches Leben in mir auslöscht und ich keinerlei Empfindungen mehr haben werde. Keine Freude, keine Neugierde, keine Lust, nicht einmal Trauer, Wut oder Schmerz werde ich fühlen können. Game over! Das war es dann mit dem Leben. Es gibt kein beklemmenderes Gefühl. Es bringt mich dazu, zwei Perspektiven zu entwickeln. Die eine ist die biologische und rationale: es gibt nichts nachdem man verstorben ist. Ein Raum, indem es keine Fenster und Türen gibt. Schwarz, dass Nichts. Die andere ist eher religiös: es gibt ein Leben (oder zumindest irgendetwas) danach. Man wird beispielsweise wiedergeboren.

Spätestens nachdem meine Eltern kurz hintereinander verstorben sind, ist mir die Endlichkeit so bewusst wie noch nie zuvor. Ich weiß, es ist irgendwann vorbei. Dieses Leben was ich gerade lebe. Mit allen Höhen und Tiefen. Ich versuche das Beste daraus zu machen. Ich versuche im Jetzt zu leben, denn auch wenn ich erst knapp über dreißig bin, ist meine Zeit nicht unendlich. Ich habe gelernt zu leben und dieses Leben auch zu genießen. Es sind die kleinen Dinge, die mich dann besonders berühren. Ein schöner Sonnenuntergang oder wehende Blätter an den Bäumen, die mich immer daran erinnern, dass unsere Liebsten auf uns herab sehen und sagen: Es ist gar nicht so schlimm hier oben. (Anm.: Ich bin nicht wirklich religiös im klassischen Sinne, mag die Vorstellung aber dennoch, dass Verstorbene über uns und nicht unter uns sind.) Die Kehrseite ist jedoch, dass ich sehr oft das Gefühl habe, keine Zeit mehr zu haben.

Auch wenn berühmte Persönlichkeiten sterben berührt mich das mitunter. Als der Held meiner Jugend und der erste Musiker den ich je bewusst hörte, Michael Jackson starb, war ich erst total irritiert und dann sprachlos. Ich wusste nicht, wie und wo ich das einsortieren sollte. Da begleitet einen die Musik über Jahre, tagaus, tagein und plötzlich war es das. Als er beigesetzt wurde und die Beerdigung im Fernsehen übertragen wurde, gab es diese Szene: Ich glaube es war der Song “Man in the Mirror” der gespielt wurde. Es war rein instrumental und der Scheinwerfer leuchtete direkt auf ein Gesangsmikrofon. Ich wunderte mich für einen kurzen Moment, warum dort keiner stand und sang und dann wurde mir schlagartig klar: da ist keiner mehr der singt. Das war der Punkt, an dem ich zum ersten Mal länger über den Tod nachdachte.

Der letzte Tod eines Prominenten, der mich berührte, war David Bowie. Ich war nie der größte Bowie Fan aber ich mochte einige seiner Songs sehr. “This is not America”, “China Girl” sowie “Ashes to Ashes” waren neben dem Klassiker “Under Pressure” meine absoluten Lieblingssongs. Als dann Lazarus veröffentlicht wurde, mitsamt Video, kaufte ich mir instinktiv das Album und schrieb vorher noch mit einem Kollegen, dass man ja nie weiß, wie lange Bowie noch lebt. Genau eine Woche später war er tot.

Was bleibt sind Trauer, wirre Gedanken und manchmal auch Verzweiflung. Im Buddhismus gibt es eine wichtige Aussage: alles ist vergänglich. Wenn man sich dies vergegenwärtigt bleiben einem nur zwei Möglichkeiten. Entweder man sieht es negativ und denkt sich, bald ist sowieso alles vorbei oder man denkt nochmal etwas genauer darüber nach. Wenn alles vergänglich ist, dann ist auch alles einmalig. Jeder Atemzug, jede Begegnung mit Menschen und jede Erfahrung, die man macht. Das bedeutet wiederum, dass jeder Tag anders ist und alles einzigartig. Man wird nie wieder zur gleichen Zeit genau das Selbe machen, was man gerade macht. Man wird nie wieder das gleiche Gefühl zur gleichen Zeit fühlen. Diese Aussicht stimmt mich zuversichtlich. Mit dem gewagten Gedanken, dass am Ende doch noch etwas kommt, ist für mich das Leben viel positiver. Auch wenn ab und an diese düsteren Gedanken (wie oben beschrieben) auftauchen, stehe ich der Welt und der Zukunft positiv gegenüber.

Auch bei diesem Eintrag im diary möchte ich mit einem Zitat enden:

“Nimm das Leben nicht so ernst, du kommst hier eh nicht lebend raus!”